Digitale Gesundheit: Bürger sind positiv eingestellt

Die Digitalisierung ergreift nahezu alle Lebensbereiche und verändert auch die Art und Weise, wie Gesundheitsleistungen im Bereich der Krankheitsprävention, Diagnostik und Therapie in Anspruch genommen bzw. erbracht werden. Die Teilnehmer des 5. digiTALKs am 29.11.2016 in Karlsruhe waren im Schnitt um die dreißig Jahre alt. Es herrschte große Einigkeit darüber, dass die Chancen der Digitalisierung des Gesundheitswesens für den Einzelnen überwiegen, das zeigte die Abstimmung, mit der der SWR-Wissenschaftsjournalist Uwe Gradwohl, Moderator der Veranstaltung, den Abend einleitete. Er verwies auf eine Online-Umfrage, die das Online-Nachrichtenportal KA-News im Vorfeld des digiTALKs durchführte: 20 Prozent nutzen demnach bereits Gesundheits-Apps - 80 Prozent nicht. Im Bundesdurchschnitt sind es etwas mehr, laut repräsentativer Umfragen nutzt bereits jeder Dritte in Deutschland Gesundheits-Apps und sog. Fitnesstracker.

Der Experte für eHealth Prof. Dr. Wilhelm Stork, Forschungszentrum Informatik FZI, Karlsruhe, entwickelte zunächst die Rationale, warum wir angesichts der demographischen Veränderungen auf intelligentere Lösungen für die Gesundheitsversorgung angewiesen sind, wenn wir den wachsenden Druck auf die sozialen Sicherungssysteme abmildern wollen. Unser Gesundheitssystem sei im weltweiten Vergleich eher "teuer" und - betrachtet man als Maß für die Qualität die Lebenserwartung der Bürger - eher "durchschnittlich". Innovation auf dem Gebiet eHealth wurde in den letzten Jahren von politisch Verantwortlichen verschlafen, Deutschland zähle heute zu den Schlusslichtern, wenn man die Digitalisierung des Gesundheitswesen betrachtet.

Die am Abend von den anwesenden Experten skizzierten Herausforderungen sind in erster Linie:

  1. Politisch konsequent unterstützer Aufbruch durch die Gestaltung fördernde Rahmenbedinungen und die Adaption gesetzlicher Leitplanken.
  2. Anpassung der Datenschutzerrechte - unter Berücksichtigung der informationellen Selbstbestimmung und Wahrung der Datenschutzgrundsätze, die Timo Schutt, Fachanwalt für IT- und Medienrecht aus Karlsruhe am Beispiel der Fitness-Tracker erklärt Gleichzeitig müsse über die Öffnung hin zur intelligenter Datennutzung diskutiert werden - z. B. zu wissenschaftlichen Zwecken. Es gilt die Interessen des Einzelnen und das Gemeinwohl aller sinnvoll miteinander zu verknüpfen.
  3. Förderung der selbstbestimmten Nutzung digitaler Angebote. Sie setzt voraus, dass Verbraucher lernen und verstehen, woher die Risiken kommen, die mit der Nutzung digitaler Anwendungen verbunden sind. Entsprechende Checklisten, mit denen man Qualität und Vertrauenswürdigkeit von Gesundheits-Apps einschätzen kann, stellte Dr. Ursula Kramer vom Verein HealthOn vor. Sie lud die Teilnehmer ein, die unabhängigen Testberichte auf HealthOn bei der Suche nach einer geeigneten Gesundheits-Apps zu nutzen.
  4. Der Ausbau der Infrastruktur, der es Bürgern ermöglicht, sicher, bequem und qualitätsgesichert medinische Leistungen in Anspruch zu nehmen und ihre Gesundheitsdaten zu verwalten. Zwei Beispiele stellt Markus Koffner, Leiter des regionalen Vertragswesens der Techniker Krankenkasse Baden-Württemberg vor.
    Die Videosprechstunde, die der Karlsruher Dermatologe Dr. Dirk Meyer-Rogge live demonstriert hat.
    Das Projekt "Digitale Patientenakte", das die TK derzeit bundesweit entwickelt.
    Patienten sollen in Zukunft ihre Gesundheitsdaten (Befunde, Röntgenbilder, Medikationspläne etc.) einfacher verwalten und griffbereit halten können. Das Angebot können Versicherte auf freiwilliger Basis nutzen. Als gesetzliche Krankenkasse schließt die TK aus, dass Versicherten mit einem hohen Risiko und vielen verhaltensbedingten Risikofaktoren höhere Tarife drohen könnten. Der Entsolidarisierung erteilte Markus Koffner in Karlsruhe eine klare Absage.

Fazit: Was man messen kann, kann man auch steuern, das ist offensichtlich die Motivation, mit der viele Bürger zu Fitness-Trackern und Gesundheits-Apps greifen und die Digitalisierung positiv begrüßen. Der Blick in die goßen Apps-Stores Google Play und iTunes sowie in die Regale der Elektronikmärkte zeigt: Digital Health hat die Massenmärkte längst erreicht. Es sind in erster Linie amerikanische Anbieter, die Daten bundesdeutscher Bürger millionenfach erfassen und auf Servern im Ausland speichern. Am Beispiel der Gesundheits-Apps und Fitnesstracker wird klar, dass es derzeit schwierig ist, geltende Datenschutzrechte im Einzelfall durchzusetzen, z. B. wenn der Anbieter in den USA sitzt oder nicht ermittelbar ist, weil z. B. das Impressum komplett fehlt, so Rechtsanwalt Timo Schutt aus Karlsruhe.

Ein besonders wacher und kritischer Blick ist deshalb angeraten, wenn man Apps und Tracker nicht nur zu Fitnesszwecken, sondern z. B. zum Selbstmanagment chronischer Erkrankungen nutzt (Digitale Diabetes- oder Blutdrucktagebücher) oder gar zur Diagnose oder Therapie von Krankheiten, z. B. zur Früherkennung von Herzrhythmusstörungen. In diesen Fälle sollten Nutzer die Angaben der Hersteller immer sorgfältig prüfen, rät Dr. Ursula Kramer. Nur so lassen sich Fundiertheit, Richtigkeit und Unabhängigkeit der Gesundheitsinformationen einschätzen. Fehlt eine Datenschutzerklärung, wie das bei der Mehrzahl der Gesundheits-Apps der Fall ist, bleibt der Nutzer im Dunkeln darüber, ob und wenn ja wie persönliche Gesundheitsdaten vor dem unberechtigten Zugriffe Dritter geschützt werden.

Quelle: digiTALK "App, übernehmen Sie", 29.11.2016, Karlshochschule Karlsruhe

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