Durchblick im Dschungel der Gesundheits-Apps

Expertenforum beim Health EBS Meeting, 3./4. Juni

Schafft ein Qualitätssiegel Durchblick, verbessert es Verbraucherschutz?

Gesundheits-Apps haben in wenigen Jahren weite Teile der Bevölkerung erreicht. Ob sich mit diesen Apps die erwarteten Gesundheitsziele besser erreichen lassen und ob die Gesundheitsinformationen oder Handlungsempfehlungen der Apps unabhängig, korrekt, aktuell und damit vertrauenswürdig sind, lässt sich nicht nur für Verbraucher und Patienten, sondern auch für Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte, d. h. Health Care Professionals (HCP) aufgrund lückenhafter Aufklärung durch die App-Anbieter schwer einschätzen.

Von staatlicher Seite ist für fast alle Apps vor Veröffentlichung in den Stores weder in Deutschland noch in den USA eine Qualitätsüberprüfung vorgesehen. Experten aus Politik und Wissenschaft fordern zum Schutz von Verbrauchern vermehrt verbindliche Kriterien, die eine Qualitätseinschätzung der nicht regulierten Gesundheits-Apps erlauben – das sind mehr als 99,9 Prozent der Apps, die in den Kategorien Gesundheit & Fitness sowie Medizin angeboten werden. –

Die Bundestagsfraktion der Grünen hat zu einem Fachgespräch geladen, um zu diskutieren, ob ein Qualitätssiegel für Gesundheits-Apps das richtige Instrument sein kann, um Verbraucher zu schützen.

Die beiden Experten Dr. med. Urs-Vito Albrecht, Medizininformatiker am Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Information (PLRI) an der Medizinischen Hochschule Hannover und Martin Wiesner, Medizininformatiker von der Hochschule Heilbronn, führten mit zwei Impulsreferaten in das Thema ein. Dr. Albrecht vermittelte wissenschaftliche Einblicke in die von ihm erstelle CHARISHMA-Studie und stellte einen umfangreichen Kriterienkatalog vor, den Verbraucher vor Nutzung einer App berücksichtigen sollten. Martin Wiesner von der Hochschule Heilbronn ging mit konkreten Vorschlägen weiter. Er regte ein Logo für ein Qualitätssiegel an in Form eines „grünen Kreuzes“, das nach seiner Ansicht eine unabhängige Bundesbehörde vergeben könnte.

Dr. Ursula Kramer, die mit Ihrem Team in den letzten Jahren die größte Datenbank mit getesteten Gesundheits-Apps aufgebaut hat, sieht vor allem die Stärkung der Medienkompetenz von App-Nutzern als wichtigen Schlüssel für die selbstbestimmte Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen. Nicht Regulierung um jeden Preis, sondern gangbare Wege im Verbraucherschutz seien gefordert: „Jede Gesundheits-App zu überprüfen, halte ich nicht für sinnvoll. Der Fokus sollte auf deutschsprachigen Apps liegen, die eine relevante Zahl von Nutzern erreichen und deren Nutzung mit einem erhöhten Risiko für den Anwender verbunden ist. Wenn man sich auf diese Apps konzentriert, kann man Verbraucher in realistischer Zeit und mit vernünftigem Aufwand z. B. über eine Plattform wie HealthOn Orientierung geben.“

Grundsätzlich empfiehlt Dr. Kramer den Qualitätsbegriff aus der Perspektive der Nutzer zu betrachten: „Verbraucher und Patienten müssen eine App bedienen können, Freude an der Nutzung haben und vor allem einen Nutzen in der App für sich erfahren. Wenn sie mit einer App ihre Gesundheitsziele besser oder einfacher erreichen können, als ohne eine App, dann werden sie diese auch langfristig nutzen. Erfüllt eine App hingegen einen Katalog von Kriterien, deren Sinn sich dem Nutzer nicht erschließt, könne diese Kriterien nicht die erhoffte Orientierung geben.“

17.10.2016, Berlin. Fachgespräch: Digitalisierung im Gesundheitswesen: Durchblick im Dschungel der Apps. 

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